(Kurz vorweg: Sorry für die lange Sendepause. Es gibt Phasen im Leben, in denen man eher aufnimmt, als produziert. Ich hoffe, ich hab ein paar interessante Dinge aufgesammelt und meine Muttersprache noch nicht komplett verlernt :D)

„Ich bin nicht so sozial.“ Das höre ich oft, von Menschen die mir näher stehen, und die das von sich selbst sagen. Ich höre das auch von mir hin und wieder. Aber was ist das für ein Satz? Was bedeutet er für euch, wenn ihr ihn sagt?

Wenn ich das sage, meine ich: „Pass auf, liebes Gegenüber: Ich mag keine lauten Kneipen, ich gehe nicht gern auf Parties und ich bin allergisch gegen Public Viewing. Ich stehe nicht darauf, mich in einer Gruppe von lärmenden, haltlos schnatternden und möglicherweise betrunkenen Mitmenschen zu bewegen. Meine Art von Kontakt ist ein gutes Gespräch zu zweit oder zu dritt, eine Probe, ein Konzert, etwas ähnlich Produktives. Wenn ich sozial bin, dann eher als Nebeneffekt.“

Okay, das klingt antisozial. Eine kleine Selbststudie: Ich habe seit kürzerem eine sehr gute Freundin. Sie ist zwei Jahre über mir, ebenso Sängerin. Wir haben uns eine Weile lang nett angeguckt, bevor sie für die Weihnachtsferien nach Singapur geflogen ist, wo sie ursprünglich herkommt. Nachdem sie zurückkam, haben wir uns relativ spontan zum Kaffeetrinken in die Kantine gesetzt. Ich hatte gerade ein eher aufwühlendes Kompositionstutorium hinter mich gebracht. Das Gespräch begann als Smalltalk und wurde sehr schnell intensiv und persönlich. Seitdem sind wir dick befreundet und treffen uns regelmäßig zum Austausch, obwohl wir uns fast jeden Tag in der Probe oder auf dem Gang sehen.

Eine andere Situation: Ich kam aus einem Konzert in Chingford zurück und musste rennen, um die Bahn zu erwischen. Unter Piepen und sich schließenden Türen hüpfte ich gerade noch so in den Wagen. In dem Abteil saß ein Mann, der das Ganze beobachtet hatte, und wir sahen uns an und mussten lachen. Niemand sonst saß in dem Abteil. Ich wollte mich umdrehen, und mich auf die andere Seite setzen, doch etwas sagte mir: Setz‘ dich zu ihm und rede mit ihm. Seit dem sind ein paar Monate vergangen und aus der zufälligen Begegnung ist eine inspirierende Freundschaft geworden.

Wenn es dagegen darum geht, mit Klassenkameraden nach der letzten Stunde in den Pub zu gehen, bin ich eher zurückhaltend. Ich habe etwas herausgefunden. Ich bin nicht gezwungen sozial. Wenn wir einfach nur zusammengewürfelt werden, bist du nicht automatisch mein Freund/meine Freundin, nur weil du da bist. Und hör auf, so zu tun, als wäre das so. Hör auf, mich in eine Freundschaft zu zwingen, nur weil wir zufällig im selben Raum sind. „Sozial“ muss sich ergeben. Zwischen zwei Menschen muss etwas entstehen, was nicht automatisch durch den Austausch der Namen geschieht. Es geschieht auf einer anderen Ebene, eher unbewusst und intuitiv. Es geschieht, wenn du dir im Klaren darüber bist, wer du bist und was du willst.

Mit anderen Worten: Du feierst eine Party? Schön, ich wünsch‘ dir viel Spaß! Lad‘ mich bitte nicht ein, du weißt ja, ich bin nicht so sozial…

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