Da es ein Thema zu sein scheint, das offenbar eine Menge Menschen beschäftigt, fühle ich mich ein bisschen dazu verpflichtet, das aufzugreifen. Kurz vorweg: ich weiß, wovon ich rede. Ich war selber längere Zeit wegen schwerer Depressionen in Behandlung und habe Unmengen magische Tabletten und Drogen auf Rezept geschluckt, wie ihr alle. Ich weiß, dass es einen Punkt gibt, an dem man das kennen lernt, was schlimmer ist, als Verzweiflung, Traurigkeit, sich drehende Gedanken, Aussichtslosigkeit und so weiter: die vollkommene Leere.

Man fühlt nichts mehr, isst nichts mehr, schläft nicht mehr, schwitzt und friert nicht mehr, kann nicht mehr aufstehen, starrt nur noch an die Decke und nicht einmal Schmerzen interessieren einen noch. Man ist eine wandelnde Leiche, wenn es überhaupt so weit kommt, dass man wandelt. Meistens ist man nur eine liegende Leiche mit offenen Augen. Ich weiß auch, dass es niemanden gibt, der einem da raus helfen kann. Irgendwann können einen andere Menschen auch nicht einmal mehr davon ablenken. Man wünscht sich, dass man zumindest noch die Wut spüren würde, wenn sie sagen: „Was hast du denn, stell‘ dich nicht so an. Denk‘ an die Kinder in Afrika, denen geht’s viel schlechter.“ Es ist, als würde es nie wieder aufhören. Als mich meine Ärztin damals provokativ gefragt hat: „Warum bringst du dich dann nicht um“, habe ich nur gesagt: „Weil ich keine Garantie dafür habe, dass es aufhört, wenn ich tot bin.“ Ich bin bis heute stolz darauf, dass sie daraufhin gelacht hat und gemeint hat: „Das ist absolut nicht dumm.“

Was ich jetzt erzähle, ist kein Patentrezept zur Heilung, es mag dem einen (hoffentlich) helfen, und dem anderen nicht. Aber ich hatte damals das Gefühl, dass niemand versteht, wovon ich rede. Selbst meine „Mitpatienten“ stellten sich größtenteils auf den Standpunkt, sie seien eben krank, und es sei die Verantwortung der Ärzte, diese Krankheit zu heilen oder zu lindern. In einigen Fällen pathologischer Depressionen oder psychischer Krankheiten mag das stimmen und ich will hier auch niemandem auf die Füße treten. Aber die meisten Depressiven, mit denen ich gesprochen habe, haben weniger erzählt, sondern Fragen gestellt. Nicht mir, sondern in den Raum. „Was soll ich machen?“, „Wieso passiert mir das?“ und so weiter.

Meine Erfahrung war, dass die Depression ein Eigenleben hat. Sie wurde nicht schlimmer oder besser aufgrund irgendwelcher Ereignisse oder Medikationen. Sie wurde schlimmer oder besser, wenn es ihr passte, ohne erkennbaren Kausalitäten zu folgen. Sie begann schleichend, ohne ein bestimmtes initiierendes Ereignis, und hörte auch schleichend wieder auf. Ich erinnere mich auch daran, dass ich als Teenager seltsam diffuse Angstzustände hatte. Ich dachte, es würde helfen, wenn ich mich der Angst stellte. Doch da ich nicht vor etwas Konkretem Angst hatte, hieß das, sie einfach zuzulassen. Doch jedes Mal, wenn ich mich darauf einlassen wollte, gab es einen Punkt, an dem ich nichts mehr fühlen konnte. So, als hätte man mir die Tür zur Lösung vor der Nase zugeschlagen, mit den Worten: „Nein, da darfst du noch nicht rein.“

Rückblickend kommt es mir vor, wie eine Reise mit einem Reiseplan. Ich musste erst nach ganz unten gehen, bis ich anfangen konnte, mich auf den Weg nach oben zu machen. Erst, als ich am tiefsten Punkt angelangt war, und mir meinen Abgrund ganz genau und lange genug angesehen hatte, weil ich keine andere Wahl mehr hatte, konnte ich anfangen, alles auszusortieren.

Was bedeutet das für jemanden, der mitten drin ist? Es bedeutet, dass du an einem Punkt bist, an dem du keine Kontrolle mehr hast. Und dass du die Arschbacken zusammenkneifen und durchhalten musst. Dass du nicht den Glauben daran verlieren darfst, dass es eine Lösung dafür gibt. Und ja – es ist so. Die Doktors haben selbst keine Ahnung. Was mich gerettet hat, war, dass ich nicht aufgehört habe, Möglichkeiten zu suchen. Ich habe nie aufgehört, Bücher zu diesem Thema zu lesen. An manchen Tagen habe ich nur einen Satz geschafft. Ich erinnere mich, dass im Foyer des Krankenhauses ein Flügel stand und ein Junge aus einer anderen Abteilung hin und wieder darauf improvisierte. Ich hatte eine Geige dabei und habe angefangen, regelmäßig mitzuspielen, wenn ich es geschafft habe, aufzustehen. Einmal hat das Personal im Foyer Stühle aufgebaut und wir haben einen Zettel aufgehängt, dass wir eine Art „Konzert“ geben. Wir dachten, das liest keiner, aber am Abend waren fast alle Stühle belegt. An vielen anderen Tagen konnte ich nicht spielen. Es gibt viele solcher Geschichten aus dieser Zeit in meinem Leben. Also, meine kleine Bitte an alle, die das lesen und gerade durch den Abgrund gehen: Hört nicht auf, egal was ihr tut. Ihr schreibt einen Blog? Ja, bitte! Ihr schneidet Sterne aus Papier aus, lest eine Seite eines Comics, oder guckt euch jede Woche Doctor Who an? Ja, bitte!! Hört! Nicht! Auf!

Man könnte sich jetzt fragen: Wieso, und viel wichtiger: Wozu bekommt man eine Depression? Ich kann nur sagen, dass ich eine ganz wichtige Sache gelernt habe, während dieser Zeit. Ich habe die Angst vor mir selber verloren. Die Angst vor den dunklen Schubladen, den toten Winkeln, den schwarzmagischen verschlossenen Truhen in meiner Existenz. Verdrängen und Kompromisse machen, vor etwas weglaufen, das sind alles keine Optionen mehr. Sich lebendig zu fühlen, das Leben auszufüllen, ist oberste Priorität für mich geworden. Ich habe sehr oft Momente, in denen ich gar nicht weiter weiß. Aber ich weiß zumindest, dass es nur ein Frage der Zeit und der Perspektive ist, bis ich wieder aufstehen und weitergehen kann, weil ich eine Lösung gefunden haben werde, die für mich funktioniert.

Natürlich hat die Welt viele Probleme, um die man sich kümmern kann. Aber die meisten Menschen funktionieren nach dem First-things-first-Prinzip (und „first thing“ heißt nicht „das Wichtigste“, sondern „das für mich Wichtigste“) und ich zumindest habe erlebt, dass viele ex-depressive Menschen extrem kreativ und lösungsorientiert sind. Und das ist keine schlechte Voraussetzung, auch den anderen Problemen der Welt beizukommen.

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