Ich bin platonisch polygam. Ja, das ist ein Geständnis. Ich bin so richtig verliebt in mehrere Menschen gleichzeitig (Alter und Geschlecht egal…), OHNE romantische Absichten. Und ich bin mir sicher, ich bin damit nicht alleine.

Das neueste und arglos unwissende Opfer dieser Neigung ist Jonathan, einer meiner Chordirigenten (Name von der Redaktion einfach so gelassen, wie er ist). Liebe Mitverdächtige, wir kennen das alle: Er oder sie lässt unser Herz höher schlagen, ist etwas ganz Besonderes, wir lieben es, uns in der Nähe dieses Menschen aufzuhalten, und wir wollen nichts, aber auch absolut gar nichts von ihm. Nicht mal gesteigerte Aufmerksamkeit.

Was mich betrifft, so nehme ich diese seltsame Verliebtheit ganz und gar todernst. Ich will sie zerebral zelebrieren, es mir so richtig geben. Und das passiert, wenn ich in der Chorprobe sitze, auf die ich mich die ganze Woche gefreut habe, und Jonathan den Raum betritt, meistens mit einer Kiste voller Notenblätter, einer Umhängetasche, ein wenig gehetzt aber irgendwie strahlend, und zwar von innen wie von außen. Er sieht aus, als wäre er aus einem modernen Charles-Dickens-Roman ausgebrochen, und er verhält sich auch so. Wer jemals Dickens‘ weniger bekannte „Pickwick Papers“ genossen hat, wird sich diesen gutmütigen, immer lächelnden, durch nichts aus der Ruhe zu bringenden Mann, für den Halstuch und Hosenträger must-have-Accessoires sind, und dessen Schönheit nichts mit GQ zu tun hat, gut vorstellen können. Ich liebe es, wie er am Klavier steht, jede Woche wieder die Stücke vom Blatt spielt, und sich dabei ein wenig vorbeugen muss, weil er die Noten nicht auf das Pult, sondern auf den Klavierdeckel legt. Ich liebe es, wie er auf einen Stuhl steigt, um seine auf einem Papierwust ausgedruckte Tonleiter aufzuhängen, und ich liebe es, wie er, wenn der ganze Chor loslegt, mitten im Stück einfach spontan überglücklich „marvellous“ ruft, sodass die hyperaktive Chinesin neben mir ebenso spontan loskichert.

Während nun gut die Hälfte der Klasse denkt, dass man in Jonathans Kontrapunkt-Kurs nichts tun muss, weil er niemals jemanden wegen einer nicht gemachten Arbeit tadeln würde, wird mein Respekt vor ihm mit jedem Tag, an dem ich ihn als Lehrer habe, größer.

Bevor ich weiter über meine wunderbaren Mitmenschen referiere (das würde ein ziemlich langer Post werden…) – erzählt mir von euren. BITTE! Weil ich diese Art, Menschen wahrzunehmen, sehr angenehm finde. Weil wir uns viel zu viele Gedanken darüber machen, warum jemand uns nervt oder aufregt. Und weil ich glaube, dass wir, wenn wir in anderen Menschen Schönheit ohne Begierde sehen, auch unsere eigene Schönheit sehen können. Ich glaube, dazu ist platonische Polygamie gut. Oder…?

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