Ich möchte sagen, es ist der erste graue Tag, sein ich hier angekommen bin. Im September 2013 war ich hier in London als Touristin, und eine Erinnerung, die ich mit zurück nach München genommen habe, lag mir ganz besonders am Herzen: die an Alan.

Am vorletzten Tag unsrer Reise schleppte ich meinen Kumpel zu einer Oscar-Wilde-Tour. Nach London Eye und Les Miserables hatte ich mir das auch wirklich verdient – fand ich. Wir waren spät dran, und als wir in Green Park aus der Tube kamen, dachte ich noch: Hoffentlich finden wir den Fremdenführer. Doch da stand er – mit einem strahlenden, offenen, erwartungsvollen Lächeln, im viktorianischen Kostüm mit einer grünen Nelke am Revers. Wir waren sogar die ersten, und er fragte uns, wo wir her kämen. Als ich sagte, wir seien aus München, zog er mich in eine spontane Umarmung und beteuerte, er käme jedes Jahr nach München und fände es dort ganz wunderbar. Vor allem bei Dallmayr. Ich war ein bisschen perplex, aber ich hätte es komischer finden können. Die nächsten zwei Stunden vergingen wie im Flug und ich schwöre – er wusste alles – ich meine alles – über „Oscar“, wie er ihn nannte. Er konnte ganze Passagen auswendig zitieren, hatte einen Witz und eine Lebendigkeit, als würde Mr. Wilde uns persönlich aus seinem Leben erzählen, und wir kamen sogar ein bisschen ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er an einem Buch arbeitete, das in meine Recherchen zu meinem Roman passte und er versprach mir, mir am Ende der Tour ein paar Titel zu nennen, die ich dazu unbedingt lesen müsse.

Am Ende der Tour schickte er mich tatsächlich in einen Buchladen Nähe Leicester Square. Ich dachte zunächst, es wäre einfach eine schöne Begegnung gewesen,die in der Schublade „London 2013“ gut aufgehoben war, aber ich konnte die Geschichte einfach nicht „ad acta“ legen. Schließlich fand ich seinen vollen Namen und seine Adresse heraus und schickte ihm zu Weihnachten eine Schachtel Dallmayr-Pralinen und eine grüne Nelke. Kurze Zeit später erhielt ich einen Brief von ihm zurück. Das war der Anfang einer der seltsamsten Freundschaften, die ich je hatte. Ich dachte, ich würde ihm lediglich ein bisschen auf die Nerven fallen, aber wenn wir auch keine tiefen persönlichen Gespräche führten, hat mich der Esprit und Humor dieses Menschen jedes Mal von Neuem völlig mitgerissen. Ich habe nie wieder jemanden getroffen, dem man die Hingabe und Liebe für das, was er tat, so deutlich angesehen und angemerkt hat, wie Alan. Oscar Wilde war mehr für ihn gewesen, als „nur“ seine Recherchen und eine unterhaltsame Lektüre.

Im Sommer des letzten Jahres traf ich ihn nach einigen Briefwechseln in München wieder. Ich erinnere mich gut daran, wie ich vor dem Ratskeller stand und Ausschau hielt, und er um die Ecke kam – durch die schmerzhaft pinke Fliege zu Hemd und Trekkinghosen relativ leicht zu identifizieren. Anders als die anderen Menschen, die dort über den Marienplatz spazierten, strahlte er wie ein Honigkuchenpferd, immer diesen Neugierfunken in den Augen, den man leider viel zu selten sieht. Schon allein das machte Alan zu etwas Besonderem. Er strahlte sogar, als er beim Mittagessen prophezeihte, dass die Welt vor die Hunde ging, weil es diese und jene Verschwörung gab, und danach einen ausführlichen Vortrag über Hitler hielt, weil er gerade Nürnberg besichtigt hatte.

Als ich ihm im Mai diesen Jahres schrieb, ich würde nach London ziehen, freute ich mich besonders auf die Gespräche und das Lesen mit ihm. Er antwortete mir wenig später, dass er Krebs hatte und bat mich, ihm weiter zu schreiben, auch wenn er vielleicht nicht antworten könne. Ich schrieb ihm weiter Briefe, erhielt aber keine Antworten mehr.

Einen Tag nach dem ich hier angekommen war, haben sie ihn begraben.

Der Grund, warum ich das mitteile, ist nicht, weil ich meine Trauer hier im Netz breittreten will. Sondern, weil es Menschen gibt, die einen in besonderer Weise berühren und inspirieren, und weil ich im Grunde sagen will, dass man das intuitiv merkt, und dass man dieser Intuition nachgeben soll. Ich bin mir dankbar, dass ich meine Intuition damals ernst genommen habe, und ihm ins Blaue hinein ein Päckchen geschickt habe. Und so sehr es mich schmerzt, dass wir uns auf diese seltsame Weise „verpasst haben“, weiß ich, dass wir uns schlimmer hätten verpassen können. Nämlich, wenn ich nicht die Initiative ergriffen hätte. Und unter all den Lachkrämpfen, schrägen Situationen, herrlichen Briefen und Glücksmomenten, die ich Alan verdanke, war das vielleicht die wichtigste Lektion, die ich durch ihn gelernt habe. Wenn es noch so „komisch“ ist – und das ist es, wenn dich plötzlich ein Ende-60-jähriger Unbekannter im viktorianischen Kostüm packt und knuddelt – wenn es einen irgendwo hinzieht, wenn man sich jemandem verbunden fühlt, wenn einen etwas interessiert, dann ist genau das nicht irgendein Hirngespinst, eine Ablenkung oder sonst irgendwas, sondern dann ist es der Weg.

Was ich an Alan bewundert habe, war, dass er den Mut hatte, genau das zu machen, was ihn immer wieder zum Strahlen gebracht hat. Dass er sich selbst wichtig genug war, das zu tun. Und wenn ich ihm eines schuldig bin, dann, dass ich es genau so mache.

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