Nach einem langen Abend im Restaurant ist es für die Kellner der letzte Akt, die Tische für den nächsten Tag zu decken. Als ich das erste Mal den Saal betrete, um dabei zu helfen, ist ein Kollege bereits dabei. Ich sage ihm, ich sei gekommen, um ihm zu helfen und er kündigt an, mir zu zeigen, wie man Tische deckt. Innerlich lache ich auf. Man muss mir ja wohl nicht erklären, wie man eine Tischdecke auflegt.


Doch weit gefehlt. Er fasst die noch gefaltete Tischdecke an zwei ihrer Enden und schüttelt sie so auf, dass sie genau auf dem Tisch landet. Dann beugt er sich hinunter, rückt sie zurecht, prüft, ob überall gleich viel Stoff über die Tischkante hängt. Der Falz muss nach oben, das Schildchen nach unten, die Tischdecke muss so liegen, dass der Falz durch die Beleuchtung keinen zu großen Schatten wirft, und, und, und. Ich will es als Theater abtun. Aber er hat eine so angenehme, liebevolle Art, die Dinge zu erklären, dass ich nicht anders kann, als ihm zuzuhören. Als ich versuche, die Tischdecke ebenso aufzuschütteln, landet sie zerknüllt auf dem Tisch. Ich werfe ihm einen erschrockenen Blick zu, und er lacht trocken auf. Dann geht er kommentarlos nach hinten zu seiner Arbeit zurück und lässt mich allein. Ich fange an zu arbeiten. Und ich ertappe mich dabei, wie ich mich ebenfalls hinunterbeuge und das Licht prüfe. Er hat es geschafft, dass es mir wichtig geworden ist. Nicht, weil ich meinen Job gut machen will oder muss. Sondern, weil es mir wirklich wichtig geworden ist. Ein paar Minuten lang arbeiten wir schweigend, ich fühle den rauen Stoff unter meinen Händen, vergesse die Welt um mich herum. Irgendwann sehe ich mich nach ihm um. Er steht mit dem Rücken zu mir und ist dabei, eine weitere Tischdecke aufzuschütteln. Der weiße Stoff bläht sich auf, um dann leicht auf dem Holztisch zu landen. Er steht gerade und hat die Bewegung allein mit den Armen verursacht, nicht mit dem ganzen Körper. Als er sich hinunterbeugt, kann ich sein Gesicht im Profil sehen. Es ist unbewegt, konzentriert, aber nicht angestrengt. Er ist ganz bei sich und dem, was er da tut. Seine Finger zupfen hier und da an dem Stoff, seine schmalen Lippen sind leicht geöffnet und die braunen Augen haben eine großartige Tiefe. Jede seiner Bewegungen ist im Fluss. Ein weiteres Mal kann ich nicht anders, als ihn zum Zentrum meiner Aufmerksamkeit zu machen. Er ist ein selbstvergessener Künstler, der Saal ist seine Bühne.
Das ist Inspiration. Das Einhauchen von Leben, von Ideen. Was inspiriert Dich?

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