Eines Abends komme ich nach einer langen Schicht mit einem Tablett voller sauberer Gläser in den Saal. Der Restaurantleiter steht an der Kasse und tippt, regungslos und konzentriert. Die schwarze Weste, die er normalerweise trägt, hat er abgelegt. Ich will gerade an ihm vorbei in die verlassene Küche gehen, da halte ich inne und sehe noch einmal hin. Im profanen Licht des verlassenen Restaurants schimmert die Tinte unter seiner Haut durch den weißen Stoff seines Hemdes.

Normalerweise kann man es nicht sehen, doch sein kompletter Oberkörper ist tätowiert. Es sind die Dinge, von denen er unter Schmerzen zugelassen hat, dass sie ihm „unter die Haut gehen“, die ich auf einmal erkennen kann. Das, was ihn zum Menschen macht, verschwindet normalerweise unter der Dienstkleidung, unter der Maske des Vorgesetzten. Doch in diesem Moment lerne ich, ihn anders zu sehen. Ich kann nicht anders, als eine Sympathie zu empfinden, auch wenn ich die Motive seiner Tattoos nicht erkennen kann. Er ist ein schmächtiger Mann, und nicht besonders groß. Seine Stimme ist laut, ebenso weltmännisch wie vertraulich, es liegt immer ein Lachen darin. Seine dunklen Augen sind nicht glanzlos, doch sie führen nicht in seine Seele. Wenn man hineinsieht, spiegeln sie einem, was immer man sehen soll. Aber die glatte Oberfläche professioneller Eleganz und Freundlichkeit, die er beabsichtigt, das Bild, das er seiner Umgebung zeigen möchte, ist gebrochen in dem Moment, in dem ich die Bilder unter seiner Haut schemenhaft erahnen kann. Seitdem blitzt nicht nur immer wieder die Tinte durch den Stoff, wenn ich ihn flüchtig sehe, sondern auch die Seele durch die verspiegelten Fenster seiner Augen. Es hat das richtige Licht gebraucht, um ihn im richtigen Licht zu sehen.
Wann hast du das letzte Mal jemanden gesehen?

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